Was ist eine Epikrise?
Die Epikrise ist die zusammenfassende, bewertende Schlussbetrachtung eines Behandlungsverlaufs — nicht bloß eine Auflistung dessen, was war, sondern die fachliche Antwort auf die Frage: Was war das Problem, was wurde getan, was hat es bewirkt und was folgt daraus? Sie ist ein primär klinisch-psychiatrischer Begriff und im stationären Bereich fester Bestandteil des Entlassungsberichts.
Der Begriff stammt aus der klinischen Medizin (griechisch epikrisis, „Beurteilung“) und bezeichnet die abschließende kritische Würdigung eines Krankheits- und Behandlungsverlaufs. Der entscheidende Unterschied zu einer reinen Verlaufsbeschreibung liegt im Wort bewertend: Eine Verlaufsdokumentation hält fest, was geschah. Die Epikrise beantwortet, warum es geschah und was daraus für die weitere Behandlung folgt.
Wichtig vorab: Es gibt keine eigene, spezifische Rechtsnorm, die eine „Epikrise“ als solche vorschreibt. Sie fällt im ambulanten Bereich unter die allgemeine Dokumentationspflicht nach § 630f BGB und im stationären Bereich unter die Konventionen des Entlassmanagements.
Drei Settings, ein Prinzip
- Stationär (Klinik, Reha, Tagesklinik): die Epikrise ist Teil des Entlassungsberichts und die etablierte Bezeichnung.
- Ambulant, Richtlinienpsychotherapie: die funktional gleiche zusammenfassende Bewertung leistet der Abschlussbericht am Behandlungsende. „Epikrise“ ist hier kein Formularbegriff.
- Übergänge: bei Verlegung, Weiterbehandlung oder auf Anforderung durch mit- oder weiterbehandelnde Personen kann eine epikritische Zusammenfassung auch ambulant sinnvoll oder gefordert sein.
Abgrenzung zu Abschlussbericht und Verlaufsdokumentation
Die Verlaufsdokumentation ist fortlaufend und sitzungsbegleitend, sie beschreibt was geschah — deskriptiv, nicht bewertend. Die Epikrise ist retrospektiv am Behandlungsende und bewertet, warum es wirkte — primär stationär als Teil des Entlassungsberichts. Der Abschlussbericht ist das funktionale ambulante Pendant zur Epikrise.
Die praktische Faustregel: Wer im stationären Kontext arbeitet, schreibt eine Epikrise. Wer ambulant im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie abschließt, schreibt einen Abschlussbericht — inhaltlich dieselben Bausteine, anderer Formularrahmen. Die Verlaufsdokumentation ist von beiden zu trennen: Sie ist die laufende Grundlage, aus der die abschließende Bewertung später gespeist wird.
Baustein 1 und 2: Anamnese-Kurzfassung und Diagnostik
Kein biografischer Vollständigkeitsanspruch, sondern die verdichtete Ausgangslage: Mit welcher Symptomatik, unter welchen auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen begann die Behandlung?
Formulierungsbeispiel: „Aufnahme von Frau K., 41 J., bei seit ca. 10 Monaten bestehender depressiver Symptomatik mit Antriebsminderung, sozialem Rückzug und Ein- und Durchschlafstörungen. Auslösend eine berufliche Konfliktsituation mit anschließender Krankschreibung. Biografisch relevant: hohe Leistungsnormen im Elternhaus. Keine vorangegangene psychotherapeutische Behandlung.“
Bei der Diagnostik nach ICD-10-GM gilt: Haupt- und ggf. Nebendiagnosen, mit dem Zusatz, ob sich die Diagnose im Verlauf bestätigt, differenziert oder verändert hat. Formulierungsbeispiel: „Diagnostisch bestätigte sich im Verlauf F33.1. Die anfänglich erwogene Anpassungsstörung (F43.2) wurde nach Sichtung früherer, unbehandelter Episoden zugunsten der rezidivierenden Verlaufsform verworfen. Komorbid F51.0.“ Zur systematischen Beschreibung des psychischen Befunds eignet sich das AMDP-System.
Baustein 3: Behandlungsverlauf
Das Herzstück: die verdichtete Erzählung der Behandlung. Nicht Sitzung für Sitzung, sondern in Phasen — Beziehungsaufbau, Arbeitsphase, Stabilisierung — mit den zentralen Interventionen und den Wendepunkten des Prozesses.
Formulierungsbeispiel: „Nach stabilem Beziehungsaufbau in den ersten Sitzungen lag der Schwerpunkt zunächst auf Verhaltensaktivierung und Tagesstrukturierung, worunter sich Antrieb und Schlaf spürbar besserten. In der mittleren Phase Bearbeitung dysfunktionaler Leistungs- und Schuldkognitionen. Ein Wendepunkt war die Bearbeitung des zugrunde liegenden Selbstwertthemas.“
Baustein 4 und 5: Zielerreichung und Prognose
Der Abgleich der eingangs formulierten Therapieziele mit dem tatsächlichen Ergebnis — ehrlich, auch wenn nicht alles erreicht wurde. Wo verfügbar, stützen Sie die Einschätzung auf zu Beginn und Ende erhobene Verlaufsdaten, ohne unbelegte Zahlen zu behaupten.
Formulierungsbeispiel: „Das primäre Therapieziel — Remission der depressiven Symptomatik und Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit — wurde weitgehend erreicht. Das sekundäre Ziel eines veränderten Umgangs mit Leistungsanforderungen ist angebahnt, aber noch nicht gefestigt. Suizidale Gedanken bestanden zu keinem Zeitpunkt der Behandlung.“
Die Prognose ist eine begründete Einschätzung des weiteren Verlaufs. Formulierungsbeispiel: „Bei guter Introspektionsfähigkeit, gefestigtem Arbeitsbündnis und tragfähigem sozialem Umfeld ist die Prognose günstig. Als Risikofaktor ist die verfestigte Selbstüberforderungstendenz zu werten.“
Baustein 6: Empfehlungen und Weiterbehandlung
Konkret und anschlussfähig: Was sollte nach Abschluss geschehen? Rezidivprophylaxe, Auffrischungssitzungen, ambulante Weiterbehandlung, somatische Mitbehandlung, Selbsthilfe.
Formulierungsbeispiel: „Empfohlen wird die Fortführung der etablierten Aktivitäts- und Schlafhygiene-Strategien in Eigenregie sowie ein niederfrequenter Auffrischungskontakt nach ca. drei Monaten. Bei erneuter Symptomzunahme frühzeitige Wiedervorstellung. Eine medikamentöse Mitbehandlung ist aktuell nicht indiziert; hausärztliche Verlaufskontrolle empfohlen.“
Verfahrensspezifische Akzente
- Verhaltenstherapie: Ausgangs-Bedingungsmodell (SORK/SORKC), eingesetzte Interventionen und deren beobachtbarer Effekt. Zielerreichung möglichst operationalisiert.
- Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie: Entwicklung der zentralen Konfliktdynamik über den Verlauf, Ausdruck in der Übertragung, was ist bearbeitet, was bleibt offen.
- Analytische Psychotherapie: Veränderungen auf Konflikt- und Strukturniveau, Entwicklung der therapeutischen Beziehung über einen längeren Prozess, verbleibende strukturelle Vulnerabilitäten in der Prognose.
- Systemische Therapie: Der Verlauf wird im Kontext des relevanten Systems erzählt — welche aufrechterhaltenden Muster wurden verändert, welche Ressourcen im Umfeld aktiviert.
Häufige Schwächen
- Chronik statt Bewertung: Die Epikrise reiht Sitzungen aneinander, ohne zu interpretieren.
- Inkohärenz zwischen Verlauf, Outcome und Prognose: fällt jeder aufmerksamen Leser:in auf.
- Schönfärberei bei der Zielerreichung: Nicht erreichte Ziele gehören benannt.
- Empfehlungen ohne Anschlusswert: „Weitere Behandlung empfohlen“ ist keine Empfehlung.
- Diagnostik nicht mit dem Verlauf verknüpft: Wenn die Diagnose nie wieder auftaucht, fehlt der Nachweis, dass die Behandlung zur Indikation passte.
Wo KI unterstützen darf — und wo die Grenze liegt
Eine Epikrise ist ein interpretierendes Dokument. Ein KI-Tool kann Ihre Stichworte und die vorhandene Verlaufsdokumentation in die sechs Bausteine strukturieren, den Sprachstil glätten und Formulierungsvorschläge liefern. Was es nicht darf: die diagnostische Beurteilung treffen, die Zielerreichung bewerten oder die Prognose stellen — diese Kernentscheidungen bleiben bei der approbierten Person.
Das praktikable Modell ist ein Redaktions-Workflow: Die KI erstellt einen strukturierten Entwurf aus Ihren Notizen, Sie prüfen, korrigieren und geben frei.
duktus ist genau für Dokumente wie die Epikrise entwickelt. Die dauerhafte Datenhaltung erfolgt auf Servern in Deutschland in ISO/IEC 27001 zertifizierten Rechenzentren, mit Auftragsverarbeitungsvertrag nach Art. 28 DSGVO inklusive §-203-Erklärung und automatischer Pseudonymisierung vor regulären externen Modellaufrufen. Die diagnostische Beurteilung und jede Kernentscheidung bleiben bei der approbierten Person — duktus spart Ihnen dabei spürbar Zeit beim Formulieren.