Inhaltsverzeichnis · 9 Abschnitte
- Die sechs Bausteine einer tragfähigen Epikrise — Anamnese-Kurzfassung, ICD-10-Diagnostik, Behandlungsverlauf, Zielerreichung, Prognose, Empfehlungen — mit Formulierungsbeispielen zum direkten Übernehmen.
- Zentrale Abgrenzung: Die Epikrise bewertet retrospektiv ("warum hat es gewirkt"), während die Verlaufsdokumentation fortlaufend beschreibt und der ambulante Abschlussbericht das kassenrechtliche Pendant ist.
- Es gibt keine eigene "Epikrise-Pflicht"-Norm — sie fällt unter die allgemeine Dokumentationspflicht nach § 630f BGB bzw. stationär unter Entlassmanagement-Konventionen; die fachliche Bewertung bleibt immer bei der behandelnden Person.
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Die Epikrise ist die zusammenfassende, bewertende Schlussbetrachtung eines Behandlungsverlaufs — nicht bloß eine Auflistung dessen, was war, sondern die fachliche Antwort auf die Frage: Was war das Problem, was wurde getan, was hat es bewirkt und was folgt daraus? Sie ist ein primär klinisch-psychiatrischer Begriff und im stationären Bereich fester Bestandteil des Entlassungsberichts. In der ambulanten Richtlinienpsychotherapie hat dieselbe Funktion einen anderen Namen. Diese Vorlage zeigt den Aufbau, grenzt Epikrise, Abschlussbericht und Verlaufsdokumentation sauber voneinander ab und gibt für jeden Baustein ein Formulierungsbeispiel.
Wichtig vorab, um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt keine eigene, spezifische Rechtsnorm, die eine „Epikrise“ als solche vorschreibt. Sie fällt im ambulanten Bereich unter die allgemeine Dokumentationspflicht nach § 630f BGB und im stationären Bereich unter die Konventionen des Entlassmanagements. Wer eine gute Epikrise schreibt, tut das also nicht, weil ein Paragraph es im Wortlaut verlangt, sondern weil sie die Behandlung fachlich abrundet, die Weiterbehandlung ermöglicht und die eigene Argumentation im Zweifelsfall belegt.
Was ist eine Epikrise?
Der Begriff stammt aus der klinischen Medizin (griechisch epikrisis, „Beurteilung“) und bezeichnet die abschließende kritische Würdigung eines Krankheits- und Behandlungsverlaufs. In der stationären Psychiatrie und Psychosomatik ist die Epikrise der bewertende Kernabschnitt des Entlassungsberichts (Arztbrief): Nach den nüchternen Fakten — Aufnahmeanlass, Befunde, Diagnosen, Verlauf — ordnet die Epikrise diese Fakten ein und interpretiert sie im Zusammenhang.
Der entscheidende Unterschied zu einer reinen Verlaufsbeschreibung liegt im Wort bewertend. Eine Verlaufsdokumentation hält fest, was geschah. Die Epikrise beantwortet, warum es geschah und was daraus für die weitere Behandlung folgt. Sie ist damit das Dokument, das eine weiterbehandelnde Kolleg:in liest, um in wenigen Minuten zu verstehen, wo eine Patient:in nach Abschluss der Behandlung steht.
Für Psychotherapeut:innen ist die Unterscheidung praktisch relevant, weil derselbe Begriff je nach Setting unterschiedlich verortet ist:
- Stationär (Klinik, Reha, Tagesklinik) — die Epikrise ist Teil des Entlassungsberichts und die etablierte Bezeichnung.
- Ambulant, Richtlinienpsychotherapie — die funktional gleiche zusammenfassende Bewertung leistet der Abschlussbericht am Behandlungsende. „Epikrise“ ist hier kein Formularbegriff.
- Übergänge — bei Verlegung, Weiterbehandlung oder auf Anforderung durch mit- oder weiterbehandelnde Personen kann eine epikritische Zusammenfassung auch ambulant sinnvoll oder gefordert sein.
Epikrise, Abschlussbericht und Verlaufsdokumentation — die Abgrenzung
Diese drei Begriffe werden im Alltag oft vermischt, meinen aber unterschiedliche Dinge mit unterschiedlichem Zeitbezug und unterschiedlichem Zweck. Die folgende Tabelle ordnet sie ein.
| Dokument | Zeitbezug | Funktion | Typisches Setting | Rechtlicher Rahmen |
|---|---|---|---|---|
| Verlaufsdokumentation | Fortlaufend, sitzungsbegleitend | Beschreibt was in jeder Sitzung geschah — deskriptiv, nicht bewertend | Ambulant und stationär | Allgemeine Dokumentationspflicht (§ 630f BGB) |
| Epikrise | Retrospektiv, am Behandlungsende | Bewertet warum es wirkte — zusammenfassend, interpretierend | Primär stationär (Teil des Entlassungsberichts) | Entlassmanagement-Konventionen; keine eigene Norm |
| Abschlussbericht | Retrospektiv, am Behandlungsende | Funktionales ambulantes Pendant zur Epikrise; ggf. an Kostenträger | Ambulant (Richtlinienpsychotherapie) | Dokumentationspflicht; G-BA-/KBV-Konvention |
Die praktische Faustregel: Wer im stationären Kontext arbeitet, schreibt eine Epikrise. Wer ambulant im Rahmen der Richtlinienpsychotherapie abschließt, schreibt einen Abschlussbericht — inhaltlich dieselben Bausteine, anderer Formularrahmen. Die Verlaufsdokumentation ist von beiden zu trennen: Sie ist die laufende Grundlage, aus der die abschließende Bewertung später gespeist wird. Wie diese laufende Grundlage sauber geführt wird, behandelt unser Beitrag Verlaufsdokumentation Psychotherapie: Vorlage 2026.
Die sechs Bausteine einer guten Epikrise
Unabhängig vom Setting folgt eine tragfähige epikritische Zusammenfassung derselben inneren Logik: von der Ausgangslage über die Behandlung zum Ergebnis und zur Empfehlung. Sechs Bausteine bilden das Gerüst. Zu jedem finden Sie hier eine Strukturangabe und ein Formulierungsbeispiel, das Sie als Ausgangspunkt anpassen können.
1. Anamnese-Kurzfassung und Aufnahmeanlass
Kein biografischer Vollständigkeitsanspruch, sondern die verdichtete Ausgangslage: Mit welcher Symptomatik, unter welchen auslösenden und aufrechterhaltenden Bedingungen begann die Behandlung? Nur das, was für Verlauf und Ergebnis relevant ist.
„Aufnahme von Frau K., 41 J., bei seit ca. 10 Monaten bestehender depressiver Symptomatik mit Antriebsminderung, sozialem Rückzug und Ein- und Durchschlafstörungen. Auslösend eine berufliche Konfliktsituation mit anschließender Krankschreibung. Biografisch relevant: hohe Leistungsnormen im Elternhaus, Muster der Selbstüberforderung. Keine vorangegangene psychotherapeutische Behandlung.“
2. Diagnostik nach ICD-10-GM
Haupt- und ggf. Nebendiagnosen im ICD-10-GM-Schlüssel, mit dem Zusatz, ob sich die Diagnose im Verlauf bestätigt, differenziert oder verändert hat. Die Diagnostik ist eine ärztlich-therapeutische Beurteilung — sie bleibt in der Verantwortung der behandelnden Person und wird nicht an ein Tool delegiert.
„Diagnostisch bestätigte sich im Verlauf F33.1 (rezidivierende depressive Störung, gegenwärtig mittelgradige Episode). Die anfänglich erwogene Anpassungsstörung (F43.2) wurde nach Sichtung früherer, unbehandelter Episoden zugunsten der rezidivierenden Verlaufsform verworfen. Komorbid F51.0 (nichtorganische Insomnie).“
Zur systematischen Beschreibung des psychischen Befunds, aus dem sich die Diagnose ableitet, eignet sich das AMDP-System — es liefert die standardisierte Terminologie für Affekt, Antrieb, formales und inhaltliches Denken, die eine Epikrise nachvollziehbar macht.
3. Behandlungsverlauf
Das Herzstück: die verdichtete Erzählung der Behandlung. Nicht Sitzung für Sitzung, sondern in Phasen — Beziehungsaufbau, Arbeitsphase, Stabilisierung — mit den zentralen Interventionen und den Wendepunkten des Prozesses.
„Nach stabilem Beziehungsaufbau in den ersten Sitzungen lag der Schwerpunkt zunächst auf Verhaltensaktivierung und Tagesstrukturierung, worunter sich Antrieb und Schlaf spürbar besserten. In der mittleren Phase Bearbeitung dysfunktionaler Leistungs- und Schuldkognitionen. Ein Wendepunkt war die Bearbeitung des zugrunde liegenden Selbstwertthemas, das die berufliche Überforderung aufrechterhalten hatte.“
4. Zielerreichung und Outcome
Der Abgleich der eingangs formulierten Therapieziele mit dem tatsächlichen Ergebnis — ehrlich, auch wenn nicht alles erreicht wurde. Wo verfügbar, stützen Sie die Einschätzung auf die zu Beginn und Ende erhobenen Verlaufsdaten (etwa Selbstauskunftsverfahren), ohne unbelegte Zahlen zu behaupten.
„Das primäre Therapieziel — Remission der depressiven Symptomatik und Wiederaufnahme der beruflichen Tätigkeit — wurde weitgehend erreicht; die Patient:in ist seit vier Wochen stabil im Teilzeit-Wiedereinstieg. Das sekundäre Ziel eines veränderten Umgangs mit Leistungsanforderungen ist angebahnt, aber noch nicht gefestigt. Suizidale Gedanken bestanden zu keinem Zeitpunkt der Behandlung.“
5. Prognose
Eine begründete Einschätzung des weiteren Verlaufs: Was stabilisiert, was gefährdet das Ergebnis? Prognose ist keine Vorhersage, sondern eine fachlich hergeleitete Wahrscheinlichkeitsaussage — sie gehört zur Kernkompetenz der behandelnden Person.
„Bei guter Introspektionsfähigkeit, gefestigtem Arbeitsbündnis und tragfähigem sozialem Umfeld ist die Prognose günstig. Als Risikofaktor für ein erneutes Auftreten depressiver Episoden ist die verfestigte Selbstüberforderungstendenz zu werten, die trotz Bearbeitung Belastungssituationen weiterhin ungünstig moderieren kann.“
6. Empfehlungen und Weiterbehandlung
Konkret und anschlussfähig: Was sollte nach Abschluss geschehen? Rezidivprophylaxe, Auffrischungssitzungen, ambulante Weiterbehandlung, somatische Mitbehandlung, Selbsthilfe. Diese Empfehlungen sind der eigentliche Nutzen der Epikrise für die weiterbehandelnde Person.
„Empfohlen wird die Fortführung der etablierten Aktivitäts- und Schlafhygiene-Strategien in Eigenregie sowie ein niederfrequenter Auffrischungskontakt nach ca. drei Monaten. Bei erneuter Symptomzunahme frühzeitige Wiedervorstellung. Eine medikamentöse Mitbehandlung ist aktuell nicht indiziert; hausärztliche Verlaufskontrolle empfohlen.“
Verfahrensspezifische Akzente
Das Sechs-Bausteine-Gerüst gilt verfahrensübergreifend. Der Behandlungsverlauf und die Diagnostik unterscheiden sich jedoch in Sprache und Fokus je nach Therapieverfahren.
Verhaltenstherapie (VT)
Die epikritische Zusammenfassung folgt der Logik der Verhaltensanalyse: Ausgangs-Bedingungsmodell (etwa SORK/SORKC), eingesetzte Interventionen (Verhaltensaktivierung, Exposition, kognitive Umstrukturierung) und deren beobachtbarer Effekt. Zielerreichung möglichst operationalisiert. Siehe Verhaltenstherapie.
Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP)
Im Zentrum steht die Entwicklung der zentralen Konfliktdynamik über den Verlauf: Wie hat sich das Verständnis des unbewussten Konflikts vertieft, wie zeigte sich das in der Übertragung, was ist bearbeitet, was bleibt offen? Siehe tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie.
Analytische Psychotherapie (AP)
Stärker strukturbezogen: Veränderungen auf Konflikt- und Strukturniveau, Entwicklung der therapeutischen Beziehung über einen längeren Prozess, verbleibende strukturelle Vulnerabilitäten in der Prognose. Siehe analytische Psychotherapie.
Systemische Therapie (ST)
Der Verlauf wird im Kontext des relevanten Systems erzählt: Welche aufrechterhaltenden Muster wurden verändert, welche Ressourcen im Umfeld aktiviert? Die Prognose bezieht die Stabilität dieser Veränderungen im System ein. Siehe systemische Therapie.
Häufige Schwächen — und wie Sie sie vermeiden
- Chronik statt Bewertung. Die häufigste Schwäche: Die Epikrise reiht Sitzungen aneinander, ohne zu interpretieren. Wenn kein einziger Satz mit „dies ist zu werten als“, „ursächlich“ oder „daraus folgt“ beginnt, fehlt der epikritische Kern.
- Inkohärenz zwischen Verlauf, Outcome und Prognose. Ein günstig geschilderter Verlauf, aber eine unbegründet pessimistische Prognose (oder umgekehrt) fällt jeder aufmerksamen Leser:in auf. Die Bausteine müssen aufeinander Bezug nehmen.
- Schönfärberei bei der Zielerreichung. Nicht erreichte Ziele gehören benannt. Eine ehrliche Teilerreichung ist fachlich stärker als eine pauschale Erfolgsmeldung.
- Empfehlungen ohne Anschlusswert. „Weitere Behandlung empfohlen“ ist keine Empfehlung. Konkret werden: welche Behandlung, in welcher Frequenz, unter welchen Bedingungen der Wiedervorstellung.
- Diagnostik nicht mit dem Verlauf verknüpft. Wenn die Diagnose am Anfang steht und nie wieder auftaucht, fehlt der Nachweis, dass die Behandlung zur Indikation passte.
Wo KI unterstützen darf — und wo die Grenze liegt
Eine Epikrise ist ein interpretierendes Dokument, und genau das macht die Grenze der KI-Nutzung klar. Ein KI-Tool kann Ihre Stichworte und die vorhandene Verlaufsdokumentation in die sechs Bausteine strukturieren, den Sprachstil glätten und Formulierungsvorschläge liefern. Was es nicht darf: die diagnostische Beurteilung treffen, die Zielerreichung bewerten oder die Prognose stellen. Diese Kernentscheidungen sind ärztlich-therapeutische Leistungen, die bei der approbierten Person verbleiben.
Das praktikable Modell ist ein Redaktions-Workflow: Die KI erstellt einen strukturierten Entwurf aus Ihren Notizen, Sie prüfen, korrigieren und geben frei. Die Fachperson formuliert nicht mehr von der leeren Seite, bleibt aber inhaltlich vollverantwortlich. Zu den datenschutzrechtlichen Rahmenbedingungen — Gesundheitsdaten nach Art. 9 DSGVO und Schweigepflicht nach § 203 StGB — siehe unseren Beitrag Ist ChatGPT DSGVO-konform?.
duktus im Kontext
duktus ist ein Forschungspilot für KI-gestützte Psychotherapie-Dokumentation mit wissenschaftlicher Begleitung der Leuphana Universität Lüneburg — entwickelt genau für Dokumente wie die Epikrise: Aus Ihren Stichworten und der laufenden Verlaufsdokumentation entsteht ein strukturierter Entwurf entlang der sechs Bausteine, den Sie in einem Redaktions-Workflow prüfen und freigeben. Verarbeitet wird ausschließlich auf deutschen Servern in Frankfurt, mit Auftragsverarbeitungsvertrag (AVV) inklusive §-203-Erklärung und automatischer NAD-basierter Pseudonymisierung vor jeder Verarbeitung. Die fachliche Letztverantwortung bleibt dabei immer bei Ihnen. Für Praxen ist der Zugang im Pilotprogramm derzeit kostenfrei.
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Quellen
- Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) § 630f — Dokumentation der Behandlung (allgemeine Dokumentationspflicht; Abs. 3: Aufbewahrung 10 Jahre nach Abschluss der Behandlung).
- Strafgesetzbuch (StGB) § 203 — Verletzung von Privatgeheimnissen (Schweigepflicht der Heilberufe).
- Gemeinsamer Bundesausschuss. Psychotherapie-Richtlinie (aktuelle Fassung) — Berichts- und Dokumentationskonventionen.
- Kassenärztliche Bundesvereinigung. PTV-Ausfüllhilfen und Berichtsleitfaden (KBV Infothek, aktuelle Fassung).
- AMDP-System. Manual zur Dokumentation psychiatrischer Befunde (aktuelle Fassung), Hogrefe.
- ICD-10-GM — Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten, German Modification (BfArM, aktuelle Fassung).
Gründer und Forscher hinter duktus. Forschungspilot mit der Leuphana Universität Lüneburg (Prof. Dr. Paul Drews) zu KI-gestützter Dokumentation in der Psychotherapie. Berlin.
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